Paul, wer ist eigentlich Paul? Paul ist der Bruder von Fritz, der bisher wiederum zu sehr im Schatten des Techno-Hypemenschen Paul Kalkbrenner gestanden hat. Das könnte sich mit "Here Today Gone Tomorrow" ändern. Geändert hat sich auch einiges bei Kid Cudi. Sein Hipsterkostüm hat er abgestreift und eine tiefgängige Platte hingelegt - die zweite seiner angedachten "Man On The Moon"-Trilogie. Pharrell Williams hat mit der neuen N.E.R.D-Platte tief ins Klo gegriffen und The Walkmen machen da weiter wo sie bisher angefangen haben - mit ergreifendem Indie-Pop.
Fritz Kalkbrenner - Here Today Gone Tomorrow
Die wenigsten Technotouristen wissen wohl, dass die Raveromanze "Sky and Sand" von Fritz Kalkbrenner, dem Bruder von Paul, eingesungen wurde. Dabei ist es doch gerade das sehnsüchtige Timbre von Fritz, welches dem Paradebeispiel für radiotaugliche Musik aus dem elektronischen Bereich, erst Leben eingehaucht hat. Glücklicherweise funktionieren die Songs auf "Here Today Gone Tomorrow", dem neuen Album von Fritz Kalkbrenner, völlig losgelöst vom Hype des Vorjahres. Natürlich ist Kalkbrenners charakteristischer Gesang unverkennbar mit "Sky and Sand" verknüpft. Aber die Stärke der Platte ist ihre Musikalität, die abseits der gleichgeschalteten Tanzflächen der Großstädte operiert - seien es die wohldosierten Countrypassagen auf "Was Right Been Wrong" oder die nervös-klackernde Minimalmaschine auf "Collage". Äußerst spannend sind auch die - HipHop-typischen - Skits zwischen den Songs, welche die Strukturen von klassischen Samplebeats aus dem Rap aufgreifen. (7) Jan Wehn
Bereits erschienen via Suol (Rough Trade)
Kid Cudi - Man On The Moon 2: The Legend of Mr. Rager
Konzeptalben sind gut, gleich drei derer noch besser - diese These vertritt zumindest Kid Cudi, Zögling von HipPop-Großmeister Kanye West. Im letzten Jahr veröffentlichte er mit "Man On The Moon: The End Of Day" den ersten Teil seiner sich selbst sezierenden Egomanietrilogie. Widmete sich der erste Teil noch den Träumen des Mondmannes, sind wir mit "The Legend Of Mr. Rager" mittlerweile in der Realität des 25-jährigen angekommen - und die gestaltet sich über weite Strecken dunkel bis düster. Genauso klingt das Album dann größtenteils auch. Kid Cudi hat sich dabei vollends dem ihm und vielen Kollegen kollektiv übergeworfenen Hipsterkostüm entledigt. Er wählt als Grundstimmung für das album lieber eine schwermütige Melancholie, welche er mittels rumpeligem Grunge und progressiven Rockanleihen nach außen trägt. Sei es auf "Mr. Rager", welches an den bewussten Minimalismus von Bands wie The xx erinnert oder der traurig-tiefsinnigen Soul auf "Scott Mescudi VS. The World" mit dem omnipräsenten Cee-Lo. All das macht "The Legend of Mr. Rager" zu einem eigenständigen und wohldurchdachten Konzeptalbum mit emanzipiertem Sound. So etwas findet man heutzutage selten. Schade, dass da nur noch eins kommen wird. (8) Jan Wehn
Bereits erschienen via Universal
N.E.R.D. - Nothing
Nööö, Pharrell das war nichts. Nichts, gar nichts. "Nothing" eben. Keine Eier, kein Aha-Moment, kein Meilenstein. Keine arschtrockenen Beat-Konstruktionen, die einst sogar Rock-Fans mal mit dem R'n'B haben flirtern lassen. Stattdessen: Popmusik, in ihrer schlechtesten Ausprägung, ohne Witz und Cleverness, ohne Hitpotenzial und Eingängigkeit. Einzig die Eröffnunstracks bilden eine leichte Ausnahme. Hier haben aber auch T.I. Und Daft Punk ihre Finger im Spiel. Am Ende bleiben zwei Fragen: ob Pharrell Williams irgendwann mal die Selbstkritik lernt? Und ob die ursprüngliche Platte, die ja dann nochmal komplett gekittet und umgeworfen war, vielleicht etwas weniger in der Belanglosigkeit des Chart-Pop verschwunden wäre? Wir wissen es nicht, aber das hier, Mr. Williams, das war nix! (1) Andreas Peters
Bereits erschienen via Star Trak/Interscope
The Walkmen – Lisbon
Die Walkmen sind eine dieser Bands, die immer ein bisschen angehyped werden, aber nie den großen Mainstream-Durchbruch schaffen. Ein Referenzpunkt hier wäre The National. Beide Bands hauen Meisterwerk auf Meisterwerk raus und etablieren sich als Lieblingsbands jener Klientel, die im Jahr schonmal mehr als 20 Euro für Platten ausgibt. Bei den Walkmen passiert das Ganze vielleicht sogar noch etwas subtiler und hinter verschlossenerenTüren als bei The National, die in diesem Jahr mit „High Violet“ den Vogel wieder richtig abgeschossen haben. Jetzt kommen The Walkmen mit „Lisbon“ hinterher – einer 1a-Herbstplatte, die den Übergang von Sonnenschein und Herbstlaub hin zu Advent und Weihnachtszeit dokumentiert. Keine Rebellion, kein Wehklagen, aber eben auch keine Versöhnung, sondern brutalste Melancholie mit höchstens einem Hauch Hoffnung schleicht durch die Songs - gestützt von der einzigartig zerbrechlichen Stimme Hamilton Leithausers. Während sich der Hörer noch auf die mentale Suche nach der Ursache der Melancholie in den Songs macht, ballert das Schlagzeug im Hintergrund los, als hätte es sich in der Band geirrt. Aber nein, das soll so sein, macht den Reiz und den Spannungsbogen einer Platte aus, die mal wieder keine Überraschungen zulässt, und es auch immernoch nicht muss. (8) Andreas Peters
Bereits erschienen via Cooperative/Universal