Als ich letzte Woche aus der Favorit Bar stolperte, die Favorit Bar, das ist hier übrigens eine ziemliche hippe Bar, ohne Internetpräsenz, so diese Geschichte; als ich da also raus stolperte, hoffte ich, dass ich endlich das letzte Gespräch über Hipster geführt hatte. Ich war von dem Begriff satt wie von denjenigen, die hinter der meist pejorativen Bezichtigung steckten: Aber wer war das noch gleich?
Am Abend hatte ich die lecture/ Lesung von Mark Greif besucht und mich danach mit ihm zum Interview getroffen. Mark Greif, „der neue Star der linksintellektuellen Szene New Yorks“ (Spiegel) ist so der Typ junger Uniprofessor mit Witz und ohne falsche Scheu, Eloquenz auf Straßenlevel zu bringen. Ich ging also hin, im Jutebeutel den halb gelesenen, von Greif herausgegeben Band „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“: das Ergebnis einer New Yorker Tagung über den Hipster, mitsamt der Antworten von diesseits des Atlantiks.
Im Prinzip geht es darin bloß um den Begriff, die diskutierenden Seiten ziehen an einem Seil, gewiss aber an unterschiedlichen Enden. Greifs amerikanische Seite hat kaum Gutes über den Hipster zu sagen: Der Hipster ist ein konsumorientierter Hohlmensch, und daher wolle auch keiner als solcher bezeichnet werden: „Der Hipster ist kein Künstler, wenn überhaupt ein Lebenskünstler, der elitäre Konsumentscheidungen trifft“, sagt mir Greif. Der deutschen Seite um den Autor und Queernessexperten Thomas Meinecke ist in ihrer Antwort an einer Ehrenrettung des Hipsters gelegen. Die Hipster haben es immerhin geschafft, dass er „im Jahr 2011 Vollbärte als unmännlich erkennen kann.“
Wie sich dann spätestens im Gespräch mit Mark Greif herausstellt, handelt es sich bei dem „Streit“ um den Hipster natürlich nur um ein halbproduktives Missverständnis. Auf die Frage, was er von der emphatischeren Haltung gegenüber dem Hipster halte, entgegnet Greif: „Ich denke, wir reden hier von zwei ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen des Hipsters. Der europäische Hipster scheint vielmehr für Werte einzustehen, wie tatsächliche Kreativität, während bei dem Hipster über den ich schreibe, so etwas wie Kreativität gänzlich zu fehlen scheint.“
Wie ernst kann man eigentlich an so ein Thema rangehen, fragt man sich ja immer? Und wieso war der Hipster nochmal gleich interessant? Achja, weil man ihn überall sieht. Und was einen omnipräsent umgibt, will man auch erklärt haben, oder man will zumindest ein bisschen darüber plaudern. Also: Plaudern über den Hipster geht. Diskutieren, geht das auch? Quellen sagen mir, in Berlin wäre die Podiumsdiskussion beinahe gänzlich ironiefrei von statten gegangen. In München kam mir das aber schon zu anekdotenhaft daher. Schieben wir es mal auf die Moderation, denn beim Schreiben trifft Mark Greif den vielleicht einzig lautbaren Ton: Zwischen persönlicher Beobachtungen, laienhafter Wissenschaft und genauester historischer Überlegung. (Und dann schafft er es auch noch, das Ganze in eine halbwegs spannende Narration einzubetten.)
Eine Aufzählung der ästhetischen und kulturellen Merkmale des Hipsters kann man sich tausend Mal sparen: man erkennt ihn, wenn man ihn sieht. Das ist klar. Genauso klar: morgen wird er wieder anders aussehen als gestern, aber man wird ihn immer noch erkennen. Deswegen sind – zurück zum Tonfall – diese Einspielerclips auch so bescheuert: Weil sie für nichts mehr als ein müdes Lächeln gut sind, wenn sie, banal wie sie sind, einfach nur aufzählen, was die Erkennungszeichen des Hipsters sind. Bin ich deswegen jetzt schon ein Hipster, weil ich das so sehe? Weil die Hipsterwitzclips, das sogenannte Hipsterbashing für mich schon wieder „so gestern“ sind?
Mag sein, aber auch nur weil der Hipster in diesem Fall als irgendwie immer gültiger Joker für eine Begriffsstutzigkeit benutzt wird: wenn's hart kommt, ist jeder, der irgendwie jung, modisch oder kulturell interessiert ist oder zumindest so tut, ein Hipster. Hipster ist der, der hip ist, Hipster sein oder Hippness ist also eine Attitüde, „der Hipster ist, wo vorn ist“ schreibt Jens-Christian Rabe, ein Münchner übrigens. Hipster ist aber auch der, der die typischen Hipsterzeichen trägt, und dabei ist es egal, ob er diese Rekontextualisierung von Karohemden, Skinny Jeans und was auch immer nun aus einer reflektierten Lakonie betreibt oder ob er das tut, weil er das so in einem Modeblog gesehen hat. In etwa das gleiche gilt für die Inflation der Biokäufer. Also: Es gibt bewusste und unbewusste, schlaue und dumme, gute und böse junge, auf sich achtende, irgendwie vorn dabei sein wollende Menschen: alle halt so Hipster.
Interessanter als diese ewig im Cliché endenden Aufzählungen, wenn man schon über den Hipster bescheid wissen will, ist sich zum Beispiel anzuschauen, wo der term Hipster eigentlich herkommt, wie aus den Bebop-hörenden die Kerouac lesenden Hipster wurden, wie daraus die Hippies (kleine Hipster, die nur kiffen aber nicht lesen wollten) entstanden, wieso Dandyismus und moderner Snobismus mit reinspielt, und wie dann später aus den white trash Signifikanten das Karohemd wurde usw. usw. Das alles steht in Mark Greifs Hipster Buch, geschrieben je nach Beitrag aus ganz unterschiedlicher Perspektive und Interessenhorizont. Den Hipster jedenfalls nur als dämliche Modeerscheinung abzustempeln, mag man hier und da noch nonchalant vernehmen – Plaudereimodus eben –, aber eigentlich auch nicht. Denn der heute irgendwie postmodern ideologielose Hipster ist genauso Kind seiner Zeit wie der Punk. Und es würde ja keiner behaupten, der Punk wäre nur eine Mode gewesen.
Trotzdem nochmal zurück zur Plauderei über den H. – die ja schön ist und Spaß machen kann, sogar zu sogenannten Minierkentnissen führen kann –, da gibt es aber noch ein Problem, eins, das mitunter und je nach Paranoiastufe sogar zu körperlichen Reaktionen führen kann. Wie oft ist man schon durch die meisten Viertel von Berlin oder durch ein paar wenige in Hamburg, München oder Köln gelaufen und hat sich gefragt: Was machen all diese Menschen? Ist da noch einer dabei, der einer normalen Arbeit nachgeht? In Berlin frage ich mich tatsächlich immer wieder, ob diese ganzen Leute, die bei schönem Herbstwetter auf der Kastanienalle rumsitzen, nicht einfach alle Statisten sind, und jedes Mal wird mir zwangsläufig auch ein bisschen unheimlich dabei. Die Zeichen, die einen Menschen einer sozialen Gruppe zuordnen, haben sich – und das wird beim Betrachten der vielen Hipster klar – so sehr verschoben, dass auf den ersten Blick alle einfach gleich aussehen. Das Merkmal des Hipsters ist ja das „signiyin“, das Rekontexuatlisieren bestimmter kultureller Zeichen. Als Flaneur, der sich Zeit zum Promenieren und Beobachten gönnt, kann man dann die Zeichen wieder auseinander klamüsieren, kann irgendwann wieder den vegan hipster vom yuppie hipster trennen. Die neue Zeichensprache will aber erst mal gelernt werden. Ganz interessanterweise spricht Mark Greif davon, dass er die frühen New Yorker Hipster als eine Art „ethnic group“ wahrgenommen hat. Eine, die ihre Zeichen „mit einer unsichtbaren Tinte schreibt, die nur reiche weiße Menschen lesen konnten.“
Eine Geheimsprache, die sich heute größtenteils wieder erledigt hat. Der Hipster ist ja längst raus aus den Salons und angekommen in Kaufhäusern, die mehr oder weniger sorgsam ausgewählte hippe Utensilia verkaufen. Aber trotzdem: Der elitäre Habitus des Hipsters, der Anspruch „vorn zu sein“, wenn auch oft nur fiktiv, bleibt dem Hipster durchgängig inne, Rezeptions-Avantgardist will er sein, und das ist es dann auch, so wie ich Mark Greif verstehe, was ihn am Hipster stört: der ethische Horizont. „Es geht um ein Gefühl der Überlegenheit, das auf kleinsten Merkmalsunterschieden beruht. Der Hipster ist jemand, der sein Wissen nicht weitergibt, sondern es zur Schau stellt und sich damit preist.“ Fraternité und Egalité bitte auch für die Hipster.
“Hipster“. Eine transatlantische Diskussion, hrsg. von Mark Greif u.a., Suhrkamp Verlag, Berlin 2012